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Reflexionen  


4. Kapitel: Prinzipien der Soziallehre der Kirche: Solidarität
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Massensolidarität in Zeiten der Globalisierung

Luise Gubitzer (*)
 
Massensolidarität in Zeiten der Globalisierung scheint in der Ferne leichter als in der Nähe.
Dagegen sollten wir etwas tun.

 
Solidarität in der Ferne
Betrachte ich meine individuellen Aktivitäten, dann kann ich Folgendes erkennen: Mein
Engagement ist anonymer geworden. Solidarisches Verhalten ist zu einem unpersönlichen Verhältnis zu anderen Menschen geworden. Ich kenne jene Frauen, die die fair gehandelten Blumen pflanzen und pflegen, nicht. Dennoch besteht eine Beziehung. Es ist eine Tauschbeziehung mit einem Bewusstsein für Zusammengehörigkeit in einer Arbeits-Welt. Die Produzierenden und die Konsumierenden haben einen Nutzen daraus. Das Kaufen von FAIRTRADE-Produkten, das heute in Europa einen Umsatz von ca. 1,4 Mrd. Euro
umfasst, sehe ich als eine Form der Massensolidarität in Zeiten der Globalisierung.
 
In Teilen der Welt, wo z. B. Kleidung für uns genäht wird, müssen Frauen in stickigen Räumen, mit giftigen Dämpfen, limitierten Klogängen, unter sexuellen Übergriffen von Vorarbeitern und niedrigsten Löhnen arbeiten. Massensolidarität in Zeiten der Globalisierung besteht für mich daher ganz wesentlich im Einsatz für die Einhaltung der Frauenrechte als Menschenrechte im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung: sich über die Arbeitsbedingungen, unter denen Produkte entstehen, informieren; Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter durch Projekte unterstützen; bei Aktionen mittun; durch Solidaritäts-bekundungen und Spenden unterstützen; eine internationale elektronisch durchgeführte Unterschriftenaktion unterzeichnen (...)
 
 
Solidarität in der Nähe

 
Bei der Solidarität in der Nähe ist die Sachlage nicht so eindeutig. Nimmt Solidarität mit der Nähe sogar ab? Warum gibt es in Österreich keine Großdemonstration gegen die Massenarbeitslosigkeit? Denken doch noch viele Menschen in Österreich: ,,Die sind selbst schuld, die wollen nicht arbeiten"? Wie sieht es mit inner- und zwischenbetrieblicher Solidarität bei Entlassungen, Lohnkürzungen ... aus? Sie ist heute sehr schwierig geworden, denn in multinationalen Konzernen fehlt das direkte Gegenüber des Kapitalbesitzers.

Oder machen die Zeiten des Reichtums und der immer ungleicheren Einkommensverteilung diese Schwierigkeit aus? Der Sozialstaat als Solidargemeinschaft von der Arbeitslosen- bis zur Pensionsversicherung wird in Zeiten von neoliberalen Politikern und Politikerinnen ausgehöhlt: Selbstbehalte, Gebühren, Leistungseinschränkungen, Zugangsverschärfungen.
Dagegen hat es nur einmal - 2003 - eine Großdemonstration in Wien gegeben. Danach keine mehr. Gleichzeitig mehren sich die Aufrufe von karitativen Organisationen für Spenden und ehrenamtliche Tätigkeiten, die die durch den Sozialstaats-Abbau geschaffenen Notlagen, mildern sollen.
 
Mit Sponsoring und Spenden wird aber auch ein spezifisches - unpolitisches, vordemokratisches - Verhalten aktiviert. Es unterhöhlt den solidarischen Steuerstaat, in dem demokratisch legitimierte Vertreter und Vertreterinnen auf Basis der Gesetze die Steuereinnahmen für die Bestreitung aller öffentlich notwendigen Aufgaben verwenden sollen. Wenn auf Spenden reduziert wird, verlieren sich diese Öffentlichkeit und das Politische, das der Solidarität eigen ist. Spenden ist ein Verhalten, das zur Privatangelegenheit, Freiwilligkeit, zur punktuellen, zeitweiligen Hilfe wird, ein Verhalten, das nicht mehr grundsätzlich verändern will. - Solidarität kann verschiedenste Formen annehmen. Es ist schwierig sie genau zu bestimmen. Wenn sie sich aber auf Mildtätigkeit beschränkt, ist sie keine mehr
.
Hinter Solidarität stehen vielfältige lebensgeschichtliche und politische Erfahrungen, ein Nachdenken darüber - und das Bedürfnis politisch zu handeln. Die daraus folgenden Beschlüsse fassen viele Menschen und immer mehr, woraus sich Gemeinsamkeit ergibt und die Gesellschaft zusammengehalten wird. Massensolidarität in Zeiten der Globalisierung scheint in der Ferne leichter als in der Nähe. Dagegen sollten wir etwas tun.
 
 

 
Weitere Reflexionen


(Thema: Spendenverhalten)
 
DZI -Fachtagung 13.10.2008
&dbquo;Motive, gesellschaftliche Rahmen-bedingungen und Einflussfaktoren auf das Spendenverhalten“

 
GfK Austria

Die Autorin


 
 
 
 
 
 
 
 
Ao. Univ. Prof. Mag. Dr. Luise Gubitzer
Institut für Institutionelle & Heterodoxe Ökonomie
Wirtschafts-universität Wien l
 
(*) Veröffentlicht in &dbquo;Wort auf dem Weg“, Juli-August 2006, S. 46-49. Mit Genehmigung des Verlags Die Quelle

Andere Ressourcen

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Sammelstelle
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Mumbai (Indien): Textilwerkstatt
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"Blood in the Mobile"
Filmemacher Frank Poulsen hat seit Jahren ein Nokia-Handy. Unterstützt er damit den Konflikt im Kongo?
Arte TV, Serie "Die Welt verstehen"
atspendeni
Österreichisches Institut für Spendenwesen
Forschungsstelle der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), deren Ziel die Förderung des Spendenwesens durch mehr Information und Transparenz am Spendenmarkt.

Spendeberichte
 
 
Statistisches Bundesamt Deutschland
Spenden in Deutschland
Ingrid Bertram, WDR:
"Auch deutsche Reiche sollen mehr spenden"
Die  Videodatei kann herunter geladen werden
.
(Quelle: Tagesschau Mediathek, 15.05.2011)
Klaus Dieter Kottnik:
"Spenden"
Evangelische Kirche in Deutschland, 15.12.2008

Zitate des Kapitels  

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4. Kapitel

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